Luca Manuel Kieser

Luca Manuel Kieser Foto: © Naa Teki Lebar

Luca Manuel Kieser
Stipendiat für Literatur 2018

*1992 in Tübingen
lebt und arbeitet in Wien

Zunächst studierte Luca Philosophie in Heidelberg und Leipzig. 2014 schloss er mit einer Arbeit zum Zusammenhang zwischen Bedingungen der Sprache und dem Phänomen Maske ab. Derzeit beendet er an der Universität für angewandte Kunst Wien sein Studium der Sprachkunst. 


 

Interview

Woran arbeitest du aktuell?

Derzeit arbeite ich an meinem ersten Roman. Er beschäftigt sich mit der Pubertät. Und damit, wie in dieser Phase Rassismus- und Gewalterfahrungen erlebt werden.

Gleichzeitig entwickle ich zu einem bereits geschriebenen Text eine Performance. Es handelt sich um etwas, das sich zwischen Gedicht und Monolog bewegt und etwas wie ein Initiationsritual in die Sprache darstellt. Dazu habe ich Erinnerungen aus dieser Phase – frühe Kindheit/Spracherwerb – verdichtet. Vom Geschmack auf der Kellertreppe erscheint in diesen Monaten kapitelweise in unterschiedlichen Literaturzeitschriften. Premiere ist im Oktober im Literaturhaus in Wien.

Über welche Themen schreibst du?

Das ist eine dieser Fragen, die so groß sind, dass man sie nicht mehr sieht, wenn man davor steht. Ich erlebe immer wieder, wie ich beim Schreiben den Dingen so nah komme, dass ich sie gar nicht mehr als solche wahrnehme. Ein guter Freund, den ich gefragt habe, was er glaube, was meine Themen seien, hat lachend geantwortet: „Aber du erzählst mir doch die ganze Zeit davon.“

Beispielsweise spielt immer wieder Gott eine Rolle. Und alles Mögliche andere aus mythischem Hinterland. Mich fasziniert daran, dass sich das alles – die Geschichten aus der Bibel, von Homer oder aus Grimm – aus einem so alten Material zusammensetzt. Bestimmte Gedanken, Figuren oder auch Wörter sind der Menschheit schon so lange vertraut. Vielleicht reicht irgendetwas darin zurück bis in die ersten Momente von dem, was man „Kultur“ nennen würde. Die Menge an Geschichte, die also in bestimmtem Material immer mittransportiert wird, macht es in meinen Augen geeignet. Aber nicht vorraussetzungslos. Weil so viel von Kirche und Renaissance überlagert ist, versuche ich da nicht nur Grenzen wegzuschreiben, sondern auch andere, neue Räume zu finden. Nichts darf eine Festung werden. Vor allem nicht der Begriff einer Kultur. Das gibt es ja gar nicht, abgrenzbare Kultur. Leider muss man oft so tief graben, bis man auf eine Schicht stößt, die noch nicht patriarchalisch überformt ist. 

Aber zurück zur Frage: Welche Themen? Die Furcht vor Festlegung schlägt sich, glaube ich, auch in einer Unsicherheit nieder, die mein Schreiben immer begleitet. Diese auszuhalten und in einem produktiven Maß zu bewahren, ist ein Thema, das jedes Thema begleitet.

Und von denen gibt es, blicke ich zurück, dann doch einen Haufen: das Verhältnis von Oberfläche und Tiefe, Masken, Wahrheit, das Blöde, die Sprache selbst, alles anti-Identitäre, das Umstülpen, das Skizzenhafte und die Wiederholung, das Rauchen, das Aufhören, ...

Wer oder was inspiriert dich?

Andere Menschen. Das beginnt bei Freunden, die auch schreiben und – das erstaunt mich immer wieder – so anders über ihr Schreiben sprechen. Aber es geht so weit, dass selbst Leute, die ich nicht leiden kann, eine Faszination auf mich ausüben. Vielleicht sollte ich statt von Inspiration von Faszination sprechen. Da ist das Andere, das mich fesselt und dann ist da eine Beziehung. 

Darüber zu schreiben habe ich vor allem im Studium der Sprachkunst in Wien gelernt: Das Portraitieren als literarisches Handwerk zu begreifen, dem Gegenüber – dem Rentner aus einem kleinen Dorf in Brandenburg, oder der jungen Frau aus dem Irak – zuzuhören, wirklich zuzuhören, und zu versuchen diese Person zu verstehen, wirklich zu verstehen. Ich finde das unendlich schwer, auch weil es letztendlich nie gelingen wird. Man kann sich nicht vergessen, die eigene Position nicht völlig verlassen. Und es reicht auch nicht, es zu versuchen. Im Gegenteil. Man muss ein gesundes Verhältnis zu sich selbst führen. Also diese „Beziehung“ auch mit sich selbst suchen. Ich bin mir selbst ein Gegenüber.

Das hat für mich dahin geführt, dass das Schreiben selbst Quelle der Inspiration geworden ist. Insbesondere in der Form des Tagebuchschreibens. Im schriftlichen Selbstgespräch, das man – absichtlos und ohne beispielsweise eine Veröffentlichbarkeit im Hinterkopf zu haben – jeden Tag eine Stunde betreibt, spitzt sich bei mir die Auseinandersetzung mit dem „in Kontakt treten“ zu.

Mit welcher Persönlichkeit aus der Literaturszene würdest du gerne eine gemeinsame Lesung halten und an welchem Ort?

In Tübingen, der Stadt meiner Jugend, habe ich lange nicht gelesen. Mir kommt es so vor, als ob ich dort eigentlich überhaupt noch nie gelesen habe.

Es gäbe für so eine „Wunsch-Lesung“ natürlich einige Schriftsteller*innen, dich ich bewundere oder die mich beeindruckt haben. Die Liste reicht von H.C. Artmann bis zu Simone Weil – und sagt nicht viel aus. Ich glaube, es ist eher die etwas „jüngere“ Literaturszene selbst, die mir in ihrer (potenziellen) Kollektivität ein Fest wäre, fände sie zusammen.

Vielleicht ja in Tübingen.

Oder in einem Fußballstadion. Rein theoretisch natürlich. Ich stelle es mir krass vor und auch schwierig. Wie müsste ein Gedicht sein, das da funktioniert? Nicht nur technisch, auch von der Haltung, dem politischen Kniff darin.

Masse und Gedicht.

Welche Vorhaben hast du während deines Stipendiums?

Mir gefällt es gerade wirklich sehr gut, ausschließlich an dem Roman zu arbeiten. Daneben liegen aber genug Projekte, mehr oder weniger fertig, in der Schublade: Ein Stück für einen anti-identitären Chor, der versucht Krisenhaftes durch ein nicht-alternatives Verständnis von Ambivalenz zu überwinden. Das Portrait einer jungen Schauspielerin. Überhaupt würde ich gern viel mehr mit dokumentierendem Text experimentieren. Schließlich ist da meine Nebentätigkeit – ich arbeite an einer Schule für minderjährige Geflüchtete – die ich früher oder später literarisch verarbeiten will.

Vielleicht geht sich ja im Sommer trotzdem ein Urlaub aus. So würde man es zumindest in Österreich sagen für: „Wenn sich die Zeit findet ...“ – Ich war seit zwei Jahren nicht mehr am Meer.

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