Judith Milz

Foto: ©Katarina Baumann

Judith Milz
Stipendiatin für Bildende Kunst 2020

Judith Milz (*1989 in Nördlingen), lebt und arbeitet in Karlsruhe und Wien. Sie studierte an der Hochschule für Gestaltung Karlsruhe. In ihren Arbeiten entwickelt sie Möglichkeiten des Erzählens: skulptural, performativ, fotografisch, publizistisch; meist sind sie auf den jeweiligen Ausstellungsort zugeschnitten oder mit dem Aufkommen einer Möglichkeit erarbeitet. Ihr Interesse gilt den Beiläufigkeiten, den alltäglichen Handlungen, dem Situativen als auch guten Geschichten und interessanten Gesprächen sowie der Bearbeitung scheinbar banaler Vorgänge, wie das Putzen oder das Stehen, und die Enthebung dieser herkömmlichen Tätigkeiten oder Objekte aus ihrem gewohnten Kontext und Sinnzusammenhang.


 

Interview

Woran arbeitest du aktuell?

Ich bin zuhause. Eine eigenartige Stimmung hat sich breitgemacht, von der ich nicht sagen könnte ob sie erst einige Tage, oder bereits Wochen besteht und wie lange sie noch anhalten wird. Eine Luftleere, oder zumindest etwas, von dem ich mir vorstelle, dass es noch lange in der gesellschaftlichen Psyche nachhallen wird. Gleichzeitig ein unheimlich globales Feeling. Vielleicht das erste Mal ein wirklich globales Feeling, seitdem ich einen Internetanschluss habe und Fliegen fast nichts kostet, sich mein Leben also (nur hypothetisch, das weiß ich jetzt) global angefühlt hatte.

So sind viele Projekte, die für das Frühjahr anstanden gerade im ungeklärten Status, verschoben oder abgesagt. Anfang April hätte ich ein Filmprojekt, eine detektivische Nachforschung über einen kroatischen Protagonisten, der nie auftaucht – Vlado Z. – im Rahmen einer Filmreihe gezeigt. An diesem Projekt arbeite ich seit mehreren Jahren und es ist nicht abzusehen, wann und ob es ein Ende finden wird. Die „Feldforschung“ dafür pausiert gerade. Ich kann die Geschichte aber auch von meinem Schreibtisch aus erzählen.
Potentiell wird diese Arbeit auch in einer Ausstellung in Wien zu sehen sein, „narrating narrativity“, ein Titel, der zu dem Filmprojekt gut passt, da die Frage nach der Erzählbarkeit, und auch nach Aufrichtigkeit im Erzählen der wirren Läufe des nicht greifbaren Protagonisten, bei der Geschichte zentral ist. Seine singuläre Biografie spielt sich dabei vor der ungemein größeren Bühne des Jugoslawienkonflikts ab, seine Spuren lassen sich von Paris, über Karlsruhe, Wien, bis nach Zagreb verfolgen.

2020 liegt mein Augenmerk außerdem auf der 30sten Jährung der deutschen Wiedervereinigung. Wir erinnern uns ja eher an den neuralgischen Moment des Mauerfalls am 09. November 1989, der im Übrigen einen Tag bevor ich geboren wurde passierte. Das Jahr 1990 (ff.) und der eher bürokratische Akt der deutschen Wiedervereinigung am 03. Oktober 1990 ist weit weniger im kollektiven Gedächtnis verankert.

Wir denken an die großen Momente; dabei spiegelt sich in den scheinbar alltäglichen, ja banalen, den unerzählten kleinen Dingen die akute Gleichzeitigkeit der Nachwendejahre wider. Es ist das ungedämpfte Hereinbrechen von Weltgeschichte in das Leben des Einzelnen, der Wahnsinn des Alltäglichen. Mich interessiert es, diese Fragestellungen konkreter Details, die jenseits linearer Geschichtsschreibung liegen, greifbar zu machen: Jene Momente der Abwicklung eines Landes, die Abläufe, die konkret das Leben Einzelner beeinflussten.

Momentan denke ich zum Beispiel darüber nach, folgender Geschichte eine Form zu geben: Schäferhunde, die bis 1989 als Wachhunde an der deutsch-deutschen Grenze als Teil des „Grenzschutzes“ der DDR in Hundelaufanlagen eingesetzt worden waren, sind mit dem Fall der Mauer nicht nur arbeits- und heimatlos geworden, sie waren auch schwer vermittelbare Fälle. Von den rund 6000 Grenzhunden, wurden rund 1500 anschließend in ostdeutsche Haushalte weitervermittelt; schwer traumatisierte Hunde, in oft nicht minder traumatisierte Haushalte.

2020, und auch in den noch folgenden Jahren, jähren sich viele solcher unerhörter Ereignisse der Wendejahre. Innerlich, denke ich mir, ruft das nach einer Retrospektive, danach, die Feste zu feiern, wie sie fallen. Während ich also über Geschichte und Geschichten nachdenke, spielt sich Weltgeschichte direkt um mich herum ab, so wie es immer ist: man sitzt am Schreibtisch und die Gegenwart rennt einem davon.


Womit beschäftigst du dich in deiner Arbeit?

Mein Interesse gilt den Beiläufigkeiten, den alltäglichen Handlungen, dem Situativen als auch guten Geschichten und interessanten Gesprächen. Als Konsequenz solcher Interaktionen ergibt sich oft erst a posteriori eine Form: skulptural, performativ, fotografisch, publizistisch. 
Mich interessiert die Darstellung von Geschichte und Geschichten anhand von Archiven und ZeitzeugInnen in unterschiedlichen Formen, als auch die Ästhetik des Alltags: die Bearbeitung scheinbar banaler Vorgänge, wie das Putzen oder das Stehen, und die Enthebung dieser herkömmlichen Tätigkeiten aus ihrem gewohnten Kontext und Sinnzusammenhang. 
Arbeit ist dabei ein zentraler Begriff, und auch ganz einfach eine Tätigkeit, die mit allen Projekten zu tun hat. Mich reizt etwas, das eine gute Erzählung hergibt, die dann zur Handlung führt – als Tätigkeit elementar – und zur Haltung wird, die man skulptural oder auch einfach als Notwendigkeit verstehen kann.
Allem voran immer der Sache verpflichtet, die abgebildet werden soll, liegt mir etwas daran, mich engagiert in ein Feld einzuarbeiten und zu involvieren, mich vereinnahmen zu lassen, mich gewissermaßen somit auch in die Sache selbst einzuschreiben. Dabei aber nie das spielerische Moment zu verlieren, mir eine Unabhängigkeit und Distanz zu bewahren, einen Witz zu machen, eine Behauptung zu postulieren, sich eben selbst zu ermächtigen, gehört ganz bewusst zu den Arbeiten.
Viele, ja fast alle meiner Projekte sind explizit auf den jeweiligen Ausstellungsort zugeschnitten, oder erst mit dem Aufkommen einer Möglichkeit erarbeitet. Eventuelle Verbote, oder Einschränkungen, nehme ich dabei oft mehr als Spielregeln wahr, entlang derer eine Arbeit sich entwickeln kann. Sie sind Parameter, die etwas über die Sache selbst erzählen könnten, und weniger unüberbrückbares Hindernis.


Wer oder was inspiriert dich?

Ich habe immer dann die besten Ideen, wenn ich nicht sofort an ihnen arbeiten kann, letztes Jahr in einer katholischen Meditationsgruppe, vorletztes Jahr auf dem Fahrrad, dieses Jahr beim Laufen gehen, und vor allem, wenn ich drei Mal im Jahr 10 000 Flaschen Wein abfülle in der Pfalz. Das ist eine monotone, eine schön monotone Arbeit, bei der morgens um 7.30 Uhr klar ist, dass es die nächsten 8 Stunden nichts Anderes geben wird als Flaschengeklimper, das Rattern des Verschließers, und manchmal Glasbruch. Beim Befüllen also dieser Flaschen zum Beispiel, kommen mir oft die besten Ideen. Vor allem hängt das, denke ich, mit der Unmöglichkeit zusammen sie sofort umzusetzen.
In meinen Träumen sehe ich die besten Kunstwerken der Welt, riesige Erdhaufen zwischen unendlich hohen Regalreihen, sich zusammenpressende Wassermassen unter einem Wal, der gen Grund schwimmt – größenwahnsinnige Momente, die rein gar nichts mit dem zu tun haben, was im Wachzustand an großen Kunstmomenten passiert, außer, dass es gute Geschichten sind. Mich interessiert zumindest oft das ganz Alltägliche, ja fast schon Banale, kleine Gesten, Selbstverständlichkeiten. Schön ist, dass man eigentlich andauernd trainieren kann diesen Dingen Form zu geben: in jeder Handbewegung und in jeder sprachlichen Veräußerung, um die man ringt, und jedes Mal, wenn man auf den Stuhl steigt, um von dort seine Ideen zu deklamieren.


Mit welcher Persönlichkeit aus der Kunstszene würdest du gerne zusammenarbeiten und warum?

Ich bewundere die Unbeirrbarkeit mit der Jonathan Meese seit vielen Jahren auf den gleichen Dingen beharrt, auch wenn es längst schon niemanden mehr zu interessieren scheint; seine Haltung und seinen Humor. Ich bin großer Fan von Wilhelm Genazino; niemand kann so schön flanieren, so präzise Beiläufiges beschreiben. Sophie Calles Gespür für den schwebenden Zwischenraum von Bild und Text, den es in ihren Arbeiten oft gibt, beeindruckt mich. Generell: Hingabe, Haltung, Aufrichtigkeit (nicht Ehrlichkeit), Witz; mich interessieren Menschen, die an diesen Dingen dran sind.
Nun sind die Genannten wo ganz anders angekommen, sehr alt, verstorben, eigen: ich bin ihnen lieber aus der Ferne nah.

Was mir praktisch bekannt ist: mit Orten und in sich ergebenden Gelegenheiten zu kooperieren. Sprich, Menschen vor Ort, in ihrem Umfeld kennenzulernen, in ihrer Funktion, in ihrem Kontext. Arbeitet man in solchen Zusammenhängen gibt es oft unvorhersehbare Momente. Leute ernst zu nehmen, sich zu interessieren für das, was sie zu erzählen haben, liegt mir nahe.

Im letzten Jahr habe ich so bspw. einige Zeit in einem halb leerstehenden Klosterkomplex in Dammerstock/Karlsruhe gelebt, um dort vor Ort eine Arbeit zu entwickeln, die das gesamte Gebäudeensemble in Anspruch nahm. Das ging nur in Kooperation mit den Leuten, die in diesem Komplex tätig sind, den Bewohnern des Dammerstock, der Kirchenleitung und vielen anderen Beteiligten, die mir bei der Arbeit geholfen haben. Undenkbar – ein Stück weit auch größenwahnsinnig – zu meinen, man könne alleine einen so großen Komplex bespielen. Mit den Menschen dort habe ich sehr gerne zusammengearbeitet. Sie haben vieles möglich gemacht, oder überhaupt erst vorstellbar, viele Ideen sind erst durch sie oder die Abläufe vor Ort entstanden.

Fast alles was ich tue, ginge überhaupt nicht ohne den Austausch mit anderen, es würde mich vermutlich auch traurig machen, wenn ich bei meinen Projekten alleine wäre. Es gibt in allen möglichen Bereichen rege Leute, die mich aktivieren. Sich real eine Zusammenarbeit vorzustellen, und nicht nur aus der Ferne bewundernd zuzukucken, ist plausibler, wenn ich Personen bereits persönlich kennengelernt habe. Dabei ist es oft nicht so wichtig an genau den gleichen Inhalten zu arbeiten, sondern eine ideelle Verwandtschaft zu spüren, eine Bewegung nach vorne. Der gemeinsame, rare Moment sich am Leben zu fühlen. Aus diesem Momentum heraus erinnere ich noch folgende Situation, in der ich mir eine Zusammenarbeit wünschte:

Letztens, in einer WG-Küche in Landau, habe ich einen Rapper performen sehen. Zwischen Spaghetti Bolognese, Energy Drink Acaì Guaranà und vollen Aschenbechern hat er eine der besten Performances abgeliefert, die ich seit langem gesehen habe. Er, stellvertretend für die Momente, in denen man euphorisch wird, hat mich zuversichtlich gestimmt. Ich wünschte mir, dass es nochmal passieren könnte, auch wenn ich nicht glaube, dass es genauso gut, geschweige denn besser werden könnte, als in der Landauer Küche. Unsere Kooperation sähe so aus: Ich würde den Rahmen setzen, mir alles einfallen lassen, was um seine Bühne herum geschähe, den Kontext schaffen. Hermoso76 dürfte nichts von den vielen ZuschauerInnen wissen, er würde einfach performen, das ganze Setting auf ihn zugeschnitten. Ihm wäre ich gerne aus der Nähe fern, sprich, wir müssten uns nicht mögen, evtl. nicht einmal direkt interagieren, er nur meine Idee genauso euphorisch annehmen wie ich seine Performance.


Welche Pläne hast du während deines Stipendiums?

Meine ursprünglichen Pläne waren Ausstellungen im Frühjahr in Wien, eine im Oktober in der Kunststiftung Baden-Württemberg, und eine im November in Karlsruhe gemeinsam mit Katarina Baumann und Ginh Bac. Ich freue mich jetzt schon mit diesen beiden Künstlerinnen zusammenzuarbeiten .

Zudem wollte ich eine Publikation veröffentlichen zu einem Gebäude in Karlsruhe, dessen Architektur Egon Eiermann zugeschrieben wird, hinter dem sich allerdings eine sehr viel komplexere, eine andere Geschichte verbirgt als man auf den ersten Blick meint. Ausgangspunkt der Publikation ist die Arbeit „Prolog 1 (Pavillon)“. Diese fand Ende 2018 in dem modernistischen 60er Jahre Gebäude statt. Während ich 3 Stunden lang das Innere dieses verglasten Pavillons putzte, bewegte sich die Besuchermenge durch den Garten, der den Pavillon umgibt. Über eine 4-Kanal-Audioinstallation konnten sie vielschichtige Erzählungen über das Gebäude selbst hören, Akten, Geschichten, Mutmaßungen – immer auch in Bezug auf den Putzakt ausgesucht, verfasst und montiert. Da seine Geschichte noch nicht ganz auserzählt ist, arbeite ich an einer Publikation hierüber.

Vieles von dem Geplanten ist nun Makulatur, beschränkt auf den derzeitigen Radius nicht durchführbar, kann also nicht so einfach konkrete Form annehmen.
Jetzt, am Schreibtisch, stelle ich mir vor meine Webseite www.judithmilz.com fertigzustellen. Bislang sieht man darauf nur eine Online-Arbeit, die landing page: die welterste Online-Gurke, in der man sich selbst erkennen kann. Ich stelle mir außerdem vor einen Kreis um meinen Schreibtisch im vierten Stock zu ziehen, und mich auf den höchsten erreichbaren Punkt in diesem Umkreis zu stellen. Von dort aus, werde ich versuchen eine neue Form zu finden.

Zum Beispiel für die Ausstellung zum Ende der Existenz des Menschen auf der Erde: Wir dürften darin, ohne zynisch sein zu wollen, bereits trauern um alles, was wir vermissen werden, wenn die Zivilisation sich auflöst. Oder die richtige Form für den Newsletter, den ich fortan jeden Monat versenden werde.

Ich dachte – zum Schluss – noch folgendes: Italienisch lernen, das perfekte Kartoffelgratin zubereiten können, und jetzt, da viele meiner Bekannten, FreiberuflerInnen, GrafikerInnen, DesignerInnen, KünstlerInnen noch nicht genau wissen wie sie nächsten Monat ihre Miete zahlen sollen, wäre es auch ein guter Moment anzufangen Kunst zu sammeln, Leute gut zu bezahlen für kollaborative Projekte, und so Einnahmen und Stipendien, die man hat, zu teilen.

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