Anna Knöller
Anna Knöller
Bildende Kunst 2026
Anna Knöller (*1991 in Herrenberg) studierte Szenografie und Medienkunst an der Staatlichen Hochschule für Gestaltung Karlsruhe sowie Bühnenbild an der Akademie der Bildenden Künste München, beide Studiengänge schloss sie mit Diplom ab. In ihrer künstlerischen Forschung untersucht sie performative Strukturen innerhalb juristischer Systeme sowie die Inszenierung von Rechtsprechung als soziale und räumliche Praxis. Sie war 2026 Stipendiatin der Kunststiftung BW im Bereich Bildende Kunst.
Interview
Wie kamst du zur Kunst?
Klingt vielleicht etwas abgedroschen, aber für mich war es schon immer klar. Eine Alternative gab es nie.
Du beschäftigst dich in deiner künstlerischen Arbeit mit dem Rechtssystem und Phänomenen der Rechtsprechung.Wie kamst du zu diesem Thema?
Ich habe unter anderem an der HfG in Karlsruhe studiert. Das Gebäude liegt in unmittelbarer Nähe zur Bundesanwaltschaft und zum Bundesgerichtshof. 2015 gab es das Seminar „Residenz des Rechts“, durch das wir einen ersten Einblick in diese Institutionen bekommen haben. Das war der Startpunkt für alles.
Mich hat von Anfang an die große Nähe zum Theater fasziniert, die sich in der Inszenierung von Rechtsprechung wiederfindet: in den Abläufen, den räumlichen Anordnungen, der Kleidung und der Sprache. Darüber hinaus ist die Justiz ein grundlegendes System unseres Zusammenlebens und unserer Demokratie. Deshalb wird mein Interesse mit jedem Projekt und jeder neuen Recherche eigentlich nur noch größer.
In Deutschland darf man vor Gericht weder Fotos noch Videos machen. In deiner Arbeit „vor Gericht“ nutzt du deshalb andere Formen der Notation. Kannst du uns mehr darüber erzählen?
Es ist einer dieser wenigen Orte, an denen bildgebende Medien während einer Verhandlung keinen Zutritt haben. Auch wenn es mittlerweile Ausnahmen gibt, beispielsweise bei Tribunalen wie dem Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag. Dort gibt es sogar Live-Übertragungen der Verhandlungen.
Für ordentliche Gerichtsverhandlungen wurden aber deshalb andere Formen gefunden, um das Geschehen vor Ort festzuhalten. Dazu gehören die sterbende Kunst der Stenografie, Gerichtszeichnungen und Sprachaufnahmen.
In der Arbeit „Vor Gericht“ habe ich diese Formen der Notation mit Tanznotationen gekreuzt, da auch der Tanz eigene visuelle Formen entwickelt hat, um Abläufe festzuhalten. Für die Recherche habe ich unter anderem den Stenografieverein Ettlingen und den ehemaligen Tänzer und Choreografen Cary Rick besucht, der in Basel das Institut für Bewegungsanalysen gegründet und eine Notationsschrift entwickelt hat.
Seit dieser Arbeit sind eigene Notationen ein fester Bestandteil meiner künstlerischen Arbeit.
In deiner Installation „Corpus Delicti" greifst du die Transparenz von
Gerichtsprozessen auf. Wie gehst du dabei vor?
Diese Installation ist aus unterschiedlichen Recherchen entstanden. Zum einen habe ich vor einiger Zeit ein Interview mit dem türkischen Rechtsanwalt Serdal Altuntas geführt, der in Istanbul und München praktiziert. Eigentlich haben wir uns über die Anbringung religiöser Symbole im Gerichtssaal unterhalten. In München sind Kreuze Pflicht, in Istanbul wäre das undenkbar. Im Gespräch war aber auch immer wieder die fehlende Transparenz des türkischen Rechtssystems nach außen ein Thema. Ich bin daraufhin nach Istanbul gereist, um mir trotz fehlender Sprachkenntnisse ein eigenes Bild zu machen. Der Zutritt zum Gerichtssaal wurde mir verweigert – warum, weiß ich bis heute nicht. In der Installation ist das Bodenmuster des Justizpalastes in Istanbul als Kreidezeichnung zu sehen.
Der Krug als Gegenstand im Zusammenhang mit Rechtsprechung ist mir zum ersten Mal beim Lesen von Peter Handkes „Rund um das große Tribunal“ begegnet. Darin beschreibt er seine Prozessbeobachtungen am Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag bezüglich der Verbrechen im ehemaligen Jugoslawien. Er beobachtet unter anderem die Wasserkrüge im Saal und dessen jeweiligen Wasserstand und liest daran ab, wie viel eine beteiligte Person im Prozess gesprochen hat.
Für die Installation spielt allerdings der zerbrochene Krug aus Kleists gleichnamigen Werk eine entscheidende Rolle. Auch hier findet sich die fehlende Transparenz wieder, da der Richter gleichzeitig der Täter ist.
Die Installation zeigt einen Glaskrug als Ideal, umgeben von vielen Krügen gleicher Form aus Beton, die zerbrochen und undurchsichtig sind. Die Form der Krüge ähnelt dabei sehr stark der Zeichnung Peter Handkes.
Welche weiteren Projekte planst du während des Stipendiums?
In einer aktuellen Arbeit beschäftige ich mich mit den Tisch- und Sitzordnungen des Saals 600, in dem auch die Nürnberger Prozesse stattgefunden haben, und mit der jeweiligen visuellen und symbolischen Rahmung des Raumes: vom Gemälde des Kaisers über Hitler und die Anschauungstafeln der Nürnberger Prozesse bis hin zum Kreuz, das heute dort hängt.
In einer zweiten Arbeit beschäftige ich mich mit Sprache vor Gericht bzw. mit fehlender Sprache. Als Angeklagte hat Beate Zschäpe im NSU-Prozess die meiste Zeit geschwiegen. Dazu entsteht eine Soundarbeit auf Grundlage von damaligen Zeitungsartikeln.
Im Winter geht es dann nach Zürich. Dort war der Justizpalast ursprünglich ein Kloster, wurde später zum Theater und ist heute eine Gerichtsstätte. Hier möchte ich mich genauer mit der Inszenierung von Recht und den performativen Parallelen zu Theater und Liturgie beschäftigen.
Für nächstes Jahr ist, Stand heute, eine Ausstellung geplant, die sich mit der Plattform Justiz-Auktion beschäftigt. Dort können Gegenstände ersteigert werden, die in Gerichtsprozessen als Beweismittel eine Rolle gespielt haben.
Außerdem ist eine performative Arbeit im Schwurgerichtssaal des Landesgerichts Krems in Österreich geplant. Ausgangspunkt ist die Frage, wie sich ein System wie das Rechtssystem unter der Besetzung durch die NS-Diktatur verformt und verfremdet hat.
Generell arbeite ich sehr gerne ausgehend von und mit den Architekturen von Gerichtsgebäuden. Langfristig möchte ich mir hierfür ein einheitliches System zur Untersuchung dieser Räume aneignen.



